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RAAM Qualifikation die Erste
Nachdem ich beruflich den Start beim Nove Colli bzw. auch beim Glocknerman, meinem eigentlichen Saisonhöhepunkt 2011, absagen musste, wollte ich doch noch so schnell wie möglich ein längeres Rennen fahren. Zu groß war das Interesse feststellen zu können, ob sich das Training von Anfang November bis jetzt auch wirklich gelohnt hat. Nach kurzer Suche im Internet standen 2 Rennen zur Auswahl - der Schweizer Radmarathon über 720 km oder ein 24 Stunden Rennen in Österreich. Der Schweizer Radmarathon war aufwendiger, sowohl von der Organisation her, als auch vom finanziellen Einsatz. Die Strecke total unbekannt, die Anreise, ebenso wie die zu erwartende Renndauer von > 24 Stunden, lang. Eigentlich alles Faktoren die nur eine Entscheidung zulassen: Dort will ich teilnehmen und es mir beweisen, denn es ist herausfordernder und obendrein auch noch ein RAAM Qualifikationsrennen. Soweit so gut. Die Anmeldung war problemlos, nur die Zusammenstellung meines Betreuerteams war schwerer als gedacht. Rene und Phillip, beide fix eingeplant konnten ob des Ironman in Klagenfurt nicht weg, Elke, schon mit Dany Wyss beim RAAM und RAW, war durch eine Hochzeit verhindert, mein Bruder schulisch gebunden, sowie viele andere Freunde, Arbeitskollegen und Bekannte im Urlaub. Wenige Tage vor dem Rennen hatte ich mit Ausnahme meines Vaters noch keine Crew - aber mindestens 2 weiter Betreuer mussten her. Wie so oft war hier auf das Organisationstalent meiner Frau verlass, kurzerhand wurden der Sohn Ihrer Arbeitskollegin (Danke Ruth, dass du Roman motivieren konntest) und sein Freund Lukas "eingeteilt". Beide auch begeisterte Biker, trafen wir dann am Donnerstag morgen die Reise nach Wangen an der Aare an ohne uns vorher jemals gesehen zu haben - das muss doch gut gehen, oder? Die Anreise war lang, nicht enden wollend, und endlich hatten wir es nach 800 km und zahlreichen Routenänderungen (Unfälle, Staus) geschafft gegen 20 Uhr am Start einzutreffen. Schnell anmelden, dann auf zum Hotel, Kalorienspeicher füllen und gut schlafen stand am Programm. Nächster Tag: 07:00 Uhr Tagwache, 07:30 Frühstück, 08:00 Start der Nervosität (ist so eine lange Strecke überhaupt zu schaffen?), 09:00 Uhr eintreffen am Start, 09:30 Beginn der letzten Vorbereitung an Mensch und Material, 11:50 Weg zum Start. 11:55 bemerkt, dass ich den Chip im Auto vergessen hatte, 11:56 Sprint zum Auto, 12:07 mit Chip wieder zurück am Start, 12:10 Start, leicht verschwitzt, gut aufgewärmt und der Puls weit im roten Bereich! Navi (Garmin mit eingespeicherter Route) einschalten, ruhig an das Rennen herangehen, Routenmarkierungen suchen, sich mit den Schildern vertraut machen. Das waren die ersten Gedanken im Rennen. Aber meine Geduld wurde gleich zu Beginn auf eine unerwartete Probe gestellt - sehr viele Ampeln, Baustellen, Bahnübergänge - immer alles auf Rot wenn ich angeradelt kam - und für mich immer endlos lange Wartezeit bis es endlich Grün wurde. So wurde ich zu Beginn zu einem recht langsamen Tempo gezwungen, zumindest bis es nach 14 km den ersten Berg hochging. Länger und steiler als erwartet, folglich auch mit höherem Puls als geplant aber die Beine waren gut, ja so ging es die erste Rampe mit 570 HM hoch zum Kilchzimmersattel. Bereits hier konnte ich einige vor mir gestartete Athleten überholen. Kurz nach der Abfahrt wartete auch schon das erste Mal mein Betreuerteam auf mich. Kurzer Stopp, Getränke und Verpflegung aufnehmen, kurze Absprache und schon ging es weiter. Km um km wurde absolviert, es lief und machte Spaß. Ich achtete nicht auf die km oder die Geschwindigkeit, nein ich hatte nur meinen Puls im Auge und meine innere Uhr die mir Befahl alle 30 Minuten was zu essen bzw. jede Stunde mindestens 1 Trinkflasche geleert zu haben. Und dies egal ob vom Gefühl her Hunger oder Durst vorhanden wurden. Um nicht zuviel mitschleppen zu müssen (bin eh schon selber schwer genug) hatten wir eine Strecke von 25 bis 30 km als Verpflegungsintervalle verabredet. 2 volle Stunden war ich nun im Rennen, wieder wartete ich auf den Verpflegungsstopp, aber ich konnte mein Team nirgends entdecken. Nächste Ortschaft, wieder kein Betreuerteam. Handy raus, anrufen und siehe da, mein Team hatte mich übersehen, wartete noch immer und war nun weit hinter mir. Auf die Verpflegung warten? Nein! Einfach weiter, werden mich schon einholen. Aber das dauerte ob des starken Verkehrs und des großen Vorsprunges den ich schon hatte mehr als 30 Minuten und wir trafen uns genau beim ersten Checkpunkt. Gott sei Dank, denn mein Team hatte den Chip für die Zeitnehmung im Auto! Nach dem notwendigen Prozedere "Nummer, Name, Chip abstempeln" und einer kurzer Pause zum Tausch der Getränkeflaschen ging es weiter. Ich wollte nicht schon so früh im Rennen wertvolle Zeit verlieren und innerlich ärgerte ich mich ein wenig - hatte ich doch aufgrund des versäumten Verpflegungsstopps über 1 Stunde nichts zu trinken und gar nichts zu essen. Aber mehr noch als ich mich, ärgerte sich meine Betreuercrew - und sie haben es sich sehr zu Herzen genommen, von da an lief die Verpflegung einfach perfekt. Km um km wurde abgespult, noch immer war ich ausschließlich auf Essen und Trinken fokussiert und so näherten wir uns Checkpoint 2. Dieser wurde nach 05:02 Stunden erreicht, was bei 145 km und 1480 HM einem Schnitt von 28,9 km/h entsprach. Es ging mir blendend, nichts tat mir weh, ich hatte echt Spaß und freute mich schon auf das lange Stück das entlang des Bodensees zurückzulegen war.
Checkpoint 3 war nach 203 km und knapp 7 Stunden erreicht, Durchschnitt nun bei 29,2 km/h seit dem Start. Alles lief problemlos, naja fast problemlos: Nach einem kurzen Verpflegungsstopp (Versorgung aus dem fahrenden Auto war ja laut Reglement nicht erlaubt) überholte mich meine Crew. Und ich traute meinen Augen nicht als unser MiniVan mit offener Dachbox an mir vorbeifuhr. Wild gestikulierend und rufend brachte ich meine Crew dazu anzuhalten um die Box zu schließen - auch hier hatten wir wieder Glück, nichts ging verloren! Checkpoint 4 war nach 263 km bzw. knapp 9 Stunden erreicht, Durchschnitt nun bei 29,7 km/h seit dem Start, 2240 der insgesamt 5580 HM waren absolviert. Es ging mir blendend, nichts tat mir weh, zwickte oder kündigte sich an, nein es war wirklich perfekt. Da es inzwischen Abend wurde montierten wir in einer kurzen Pause das Licht, ich zog mir Ärmlinge und Beinlinge über und schon ging es nach 5 Minuten Pause weiter. Es war toll für mich in der Nacht zu fahren, ich liebe es, denn viele meiner langen Trainingseinheiten am Wochenende begannen so zwischen 2 und 3 am Morgen im Stockdunkeln, alles schläft, es ist ruhig und man kann so richtig abschalten. Checkpoint 5, km 344, knapp 12 Stunden seit dem Start legte ich nun die erste wirkliche Pause von 15 Minuten ein. Es war frisch geworden und hier am Checkpoint wurden Spaghetti angeboten. Einen Teller zur Stärkung und zum innerlichen Aufwärmen wollte ich mir gönnen. Die Zeit muss sein, lag ich doch für meine Begriffe und Erwartungen gut im Rennen. Zum Vergleich hab ich bei meinem ersten 12 Stunden Rennen in 2010 nur 333 km in der gleichen Zeit geschafft, konnte dort danach aufhören, doch hier war noch nicht mal die Hälfte geschafft. Checkpoint 6, km 408 erreichten wir nach 14,5 Stunden. Noch lief alles wie geplant, es sollten nun aber erste Schwierigkeiten beginnen. Auf einer langen Abfahrt die wir mit bis zu 80 km/h im Stockdunkeln bewältigten stellte mein Licht seinen Dienst ein - Akku leer und von mir einfach übersehen - und wäre nicht meine Crew im Auto hinter mir gewesen, ich möchte nicht wissen wie das ausgegangen wäre. Vorbereitung ist das halbe Leben und so hatten wir eine 2te Lampe im Auto mit (Danke Philipp), die wir aber erst montieren mussten. Leicht gesagt aber gar nicht so einfach mitten in der Nacht, im Scheinwerferlicht. Doch nach ein paar Minuten war es erledigt, sah echt professionell aus so wie wir es mit Isolierband am Lenker befestigt hatten! Wieder im Rennen bemerkte ich aber recht schnell, dass sich nun mein Verdauungstrakt zu melden begann, plötzlich und ohne Vorwarnung. Ich hatte keine Bauchschmerzen, dennoch stimmte irgendwas nicht. Hatte ich mich verkühlt - es war wirklich empfindlich kalt geworden und ich hatte mich eigentlich nie umgezogen? Hatte ich zu viele Gels gegessen? Das Falsche getrunken? Konnte meine Körper mit der Anstrengung nicht umgehen? Keine Ahnung, auch jetzt im Nachhinein noch nicht, aber zum Zeitpunkt des Rennens kam sehr schnell die Gewissheit, dass es schwer werden würde das ganze wieder in den Griff zu bekommen und das Rennen fortzusetzen oder gar zu beenden. Checkpoint 7, km 480, 17,75 Stunden seit dem Start, absolvierte 3860 HM (und somit noch 1720 HM vor mir) und mittlerweile 6 Uhr am Morgen musste ich meinem Körper eine längere Pause am WC des Checkpoints gönnen. Endlos lange Zeit benötigte ich bis ich den Darm wieder im Griff hatte, verlor so etwa 15 Minuten. Aufgaben - nein, daran dachte ich eigentlich nie, denn es ging mir wirklich gut, ich musste nur meinem "inneren Druck" öfters nachgeben. Es ging weiter, aber ich kam keine 500 m weit, stand ich wieder hinter einem Werbeplakat versteckt. Umziehen war nötig, leider war meine Crew, die ja einen solchen Einsatz nicht voraussehen konnte schon weiter gefahren. Wiederum anrufen, zurückbeordern, warten, umziehen und weiter ging es - nach 25 Minuten die ich nochmals verloren hatte. Was tun, wie kriegt man das Problem in Griff? Normal hört man bei so was auf, aber nicht wenn man gut im Rennen liegt, es einem sonst körperlich gut geht und die Anreise obendrein so lange war. Also einfach die Ernährung umgestellt, mal 2 Stunden gar nichts essen und nur Wasser trinken. So quälte ich mich, immer wieder von Klopausen unterbrochen weiter zu Checkpoint 8, den wir nach 20 Stunden und 17 Minuten erreichten, 532 km waren nun absolviert, mein Durchschnitt inklusive Pausen auf 26,2 km/h gefallen. Die fehlende Nahrung und die Pausen machten sich einfach bemerkbar, nur mit Fettverbrennung ging die Leistung deutlich zurück, ich schaffte nur mehr um die 180 bis 200 Watt. Daher entschied ich mich trotz der bisher verlorenen Zeit eine weitere, diesmal geplante "Liegepause" von 10 Minuten einzulegen.
Fühlte mich danach besser, auch der Hunger bzw. das Gefühl wieder was Essen zu können kehrte zurück und so stopften mir meine Betreuer meine Trikottaschen mit Schokokeksen und Co voll. Eben alles was viel Zucker hat und dementsprechend leicht Energie bereitstellt aber auch schnell "auslässt" wenn mal nichts mehr da ist So erreichten wir nach 21 Stunden und 27 Minuten und gefahrenen 567 km Checkpoint 9. Es ging mir besser, keine Pause war bei Checkpoint 9 notwendig, wir blieben beim bewährten Ernährungskonzept, Schokokekse und Traubenzucker, als Getränk noch immer nur Wasser und 1 Salztablette gegen den Mineralienverlust. Mein Dad motivierte mich: nur mehr 40 km bis zum Start, wo dann noch die Zusatzrunde von 110 km wartete. Nur mehr bergab sollte es gehen, so seine Worte. Aber von bergab war nichts zu spüren, denn erstens wartet nach dem Checkpoint gleich noch ein (verschwiegener) Anstieg mit dem ich gar nicht gerechnet hatte und der mich demotivierte und zweitens trug der starke Gegenwind das Seine dazu bei mich kein Gefälle spüren zu lassen. So quälte ich mich hadernd und fluchend die 40 km ins "Ziel", sprich Checkpoint 10, den ich nach 606 km und 22:57 Stunden erreichte. Zum ersten Mal beschäftigte ich mich nun geistig mit der RAAM Qualifikation. Noch waren 110 km zu fahren und dafür standen mir noch 5:33 Stunden zu Verfügung - das muss doch leicht zu schaffen sein, oder? Ich war mir ganz sicher es zu schaffen, so sicher dass ich mir hier beim Checkpoint 10 nochmals eine Liegepause von 20 Minuten gönnte - davon habe ich sicherlich 10 Minuten geschlafen obwohl ich zuvor überhaupt nicht müde war. Dann wurde die Zusatzschleife in Angriff genommen. Vom Studium der Strecke wusste ich, dass hier noch ganz schwere 34 km auf mich warteten in denen in zwei steilen Anstiegen 560 HM zurückzulegen waren. Eigentlich nicht so viel, aber nach mehr als 23 Stunden am Rad beginnt man auch leichte Steigungen zu spüren. Aber ich hatte auch Glück, denn mein Darm hatte sich nun wirklich gut erholt, mein Team betreute mich mit Traubenzucker und Keksen einfach perfekt und ich merkte auch wie meine Kraft wieder zurückkam. Glück auch, denn nun hatte ich Rückenwind und es war deutlich zu merken wie dieser mich den Berg rauf unterstütze. Somit erreichte ich voll im Plan den Checkpoint 11, nur mehr 2 Etappen die ich schon kannte lagen noch vor mir und ich war mir nun ganz sicher das Limit von 28:30 Stunden schaffen zu können. Wir legten keine unnötige Pause mehr ein, blieben bei unserem Ernährungskonzept und so absolvierten wir die letzten Kilometer zufrieden und wieder immer besser in Form kommend um schließlich sehr stolz nach 27:42 Stunden das Ziel zu erreichen. 720 km und 5580 HM lagen hinter uns UND wir hatten die RAAM QUALIFIKATION geschafft - und dies gleich beim ersten Versuch!
Wir alle waren wirklich mächtig stolz auf
das Geleistete, ich auf mich genauso wie auch meine Betreuer die selbst
kaum geschlafen hatten und immer für mich da waren wenn ich sie brauchte
- und das war zwischen Stunde 17 und 23 ziemlich oft. Nach einem gemeinsamen
Siegerbier und einer reinigenden Dusche warfen wir gleich mal den Plan
"wir fahren gleich die 800 km heim" über den Haufen, checkten
im nächsten Hotel ein und genossen das Abendessen. Am nächsten
Morgen um 6 Uhr traten wir dann, glücklich aber noch etwas unausgeschlafen
die Heimreise an. Mein Fazit - es ist genial
die RAAM QUALIFIKATION geschafft zu haben, wenngleich ein 715 km Rennen
sicherlich in keiner Weise mit einem Rennen über 5000 km zu vergleichen
ist. Körperlich habe ich mich sehr gut gefühlt, ich hatte keine
Probleme mit Beinen, Nacken, Hintern oder so, aber meine Verdauung stellte
mich vor ein großes Problem. Ich habe dadurch sehr deutlich erkannt,
dass meine Muskeln wirklich gute Arbeit leisten solange sie Energie bekommen.
Bleibt diese aus, eben weil der Darm nichts mehr aufnehmen kann, ist ein
deutlicher Leistungsanfall unvermeidlich. Daran gilt es nun zu arbeiten
und das wird der Schlüssel zu Erfolg, denn körperlich und mental
hab ich es drauf! Erkannt habe ich auch, dass ein solches Rennen ganz
weit weg von einem Einzelsport ist, ohne die unmittelbaren Personen vor
Ort (Dad, Roman, Lukas) wäre es niemals möglich gewesen, ebenso
nicht wie ohne Unterstützung meines Teams das diesmal unabkömmlich
war. Ich danke EUCH allen. So nun stehen
erst mal 2 Wochen Regeneration an, dann beginnt wieder das (Kraft) Training
und als Saisonabschluss das 12 Stunden Rennen in Hitzendorf. Dabei wollen
wir dann die Leistungssteigerung, die es hoffentlich gibt, im Vergleich
zu 2010 herausfinden.

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